NIS2 und ISO 27001: Warum eine ISO-Zertifizierung den Einstieg erleichtert und was jetzt wirklich wichtig ist

25.1.2026
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Maja Scheunemann

Die NIS2-Richtlinie hat vielen Unternehmen einen Schrecken eingejagt: neue gesetzliche Vorgaben, verpflichtende Meldepflichten, mehr Verantwortlichkeiten. Gleichzeitig fragen sich viele, was das eigentlich mit ISO 27001 zu tun hat – und ob eine bestehende ISO-Zertifizierung hilft, NIS2 leichter umzusetzen.

Die gute Nachricht lautet: Wer ein Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) nach ISO 27001 aufgebaut hat, steht bei NIS2 nicht bei Null. Viele zentrale Anforderungen sind bereits angelegt und müssen oft nur ergänzt oder klarer dokumentiert werden.

Was ist NIS2?

Die NIS2-Richtlinie ist eine europaweite Vorgabe zur Netz- und Informationssicherheit. Sie verpflichtet Unternehmen, ihre IT- und Informationssicherheitsprozesse so auszurichten, dass Cyber-Bedrohungen systematisch begegnet werden kann. Anders als frühere Regelwerke betrifft NIS2 heute deutlich mehr Firmen – nicht nur klassische Kritische Infrastrukturen, sondern auch viele Unternehmen im produzierenden Gewerbe, im IT-Dienstleistungsbereich, im Transport- und Logistiksektor und darüber hinaus.

Zentrale Anforderungen von NIS2 umfassen unter anderem:

  • Etablierung eines funktionierenden Risikomanagements
  • Stärkung von Zugriffskontrollen und Netzwerksicherheit
  • Etablierung von Meldesystemen und Reaktionsketten für Sicherheitsvorfälle
  • Direkte Verantwortung der Geschäftsleitung für Cyber-Security
  • Verpflichtende Meldepflichten bei Vorfällen innerhalb enger Fristen

Diese Anforderungen sind verbindlich und gelten ohne lange Übergangsfristen. Viele Unternehmen stehen daher vor der Frage: Wie setze ich das effizient und ohne doppelten Aufwand um?

ISO 27001 – Der Einstieg in strukturiertes Sicherheitsdenken

Die ISO 27001 ist ein international anerkannter Standard für Informationssicherheits-Managementsysteme (ISMS). Er verlangt systematisches Risikomanagement, klare Rollen und Verantwortlichkeiten, Ablauf- und Wirksamkeitsdokumentation und fortlaufende Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen.

Ein ISO-27001-konformes ISMS ist oft der beste Ausgangspunkt zur Vorbereitung auf NIS2, weil:

  • Prozesse und Strukturen bereits existieren, die fast deckungsgleich mit NIS2-Ansprüchen sind
  • Risikoanalyse und kontinuierliche Verbesserung zentraler Bestandteil sind
  • Verantwortlichkeiten und Dokumentation systematisch umgesetzt werden
  • Mitarbeitende sensibilisiert und auf Sicherheitsaufgaben vorbereitet werden

Kurz gesagt: Ein gelebtes ISMS nach ISO 27001 schafft klar definierte Grundlagen, auf denen NIS2 sinnvoll aufsetzen kann.

Wo ISO 27001 und NIS2 sich überschneiden

Viele Anforderungen von NIS2 sind in einem guten ISMS bereits enthalten. Dazu gehören:

Risikoanalyse und Maßnahmensteuerung

ISO 27001 fordert, Risiken zu identifizieren, zu bewerten und geeignete Maßnahmen abzuleiten. Genau das verlangt NIS2 ebenfalls – wenn auch mit stärkerem Fokus auf Nachvollziehbarkeit und Priorisierung.

Awareness und Schulungen

Ein elementarer Bestandteil eines ISMS sind Schulungen und Sensibilisierungsmaßnahmen für Mitarbeitende. NIS2 verlangt regelmäßige Awareness-Programme und den Nachweis, dass diese stattfinden.

Technische und organisatorische Kontrollen

ISO 27001 baut auf klaren Kontroll- und Schutzmaßnahmen auf, die sich direkt als Bausteine der NIS2-Vorgaben nutzen lassen.

Dokumentation und Nachweisbarkeit

Ein ISO-27001-ISMS erzeugt bereits eine strukturierte Dokumentation, die bei NIS2-Audits oder Prüfungen hilft.

Wo NIS2 über ISO 27001 hinausgeht

Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es Bereiche, in denen NIS2 mehr fordert oder das bestehende ISMS ergänzt werden muss:

Verantwortung der Leitung

NIS2 legt einen stärkeren Schwerpunkt darauf, dass nicht nur Sicherheitsrollen dokumentiert werden, sondern dass die Unternehmensleitung ausdrücklich Verantwortung übernimmt. Dazu gehört auch die Integration in strategische Entscheidungsprozesse.

Meldepflichten

ISO 27001 beschreibt Vorfallsreaktionen, aber NIS2 setzt klare Fristen (z. B. 24 Stunden) und externe Meldewege fest, die in bestehende Prozesse integriert werden müssen.

Governance und Compliance-Reporting

NIS2 verlangt transparenteres Reporting, Einbeziehung regulatorischer Anforderungen und eine stärkere Governance-Struktur. Auch hier gilt es, bestehende ISMS-Prozesse zu erweitern.

Praxis: Wie ein ISO-27001-ISMS den Übergang erleichtert

Unternehmen, die ISO 27001 bereits leben – ob zertifiziert oder nicht – haben klare Vorteile:

  • Sie verfügen über eine etablierte Sicherheitskultur
  • Sie wissen, wie Risiken identifiziert und Maßnahmen gesteuert werden
  • Sie haben Verantwortlichkeiten und Prozesse bereits beschrieben
  • Sie müssen vor allem ergänzen, nicht neu erfinden

Ein strukturiertes ISMS reduziert somit doppelte Arbeit, schafft klare Nachweisbarkeit und ermöglicht einen pragmatischen Übergang zu NIS2-Konformität.

Fazit

NIS2 ist ein Meilenstein in der gesetzlichen Cyber-Security-Regulierung – aber kein Grund zur Panik. Unternehmen, die bereits ein funktionierendes ISMS nach ISO 27001 aufgebaut haben, sind in einer ausgezeichneten Ausgangslage. Sie müssen bestehende Strukturen nur dort ergänzen, wo NIS2 zusätzliche Anforderungen stellt. Mit strukturiertem Vorgehen, klarer Priorisierung und einer kontinuierlichen Verbesserung ist die Umsetzung machbar und strategisch sinnvoll.

Ein ISMS ist damit nicht nur eine Basis für Zertifizierungen, sondern ein starker Hebel zur nachhaltigen NIS2-Compliance.